Ich habe mich am Sonntag sehr geärgert. Und am Montag. Und am Dienstag. Und heute.
Über die FAS.
Nun ist das an sich nichts besonderes, seit ich Zeitungen wahrnehme, ärgere ich mich über die Frankfurter Allgemeine - ausgenommen freilich, wenn ich tapezieren wollte. Da offenbart sie ihre wahren Qualitäten.
Die Redaktion dieses Blattes vertritt eben zu häufig Positionen, die ich nicht teile. In den meisten Fällen nehme ich das auch einfach so hin, schließlich bin ich kein Journalist und verdiene mein Geld nicht mit Hintergrundrecherche, Fakten abwägen und dezidierter Positionsbestimmung. Ich bin nur Buchhändler, der in seiner Freizeit auch mal Zeitung liest.
Womit wir beim Punkt wären. Denn im Gegensatz zu so ziemlich allen anderen Themen, bleibe ich in Sachen der durchaus überschaubaren Buchbranche durchaus am Ball und bemühe mich stets um umfangreiche Kenntnis. Das gehört zu meinem Berufsverständnis. Ich muss wissen, was los ist, um richtig agieren zu können. Die FAS nun titelte am Sonntag mit der hübschen Schlagzeile:

Buchhandel kuscht vor WWF

Nachzulesen ist der Artikel hier. Der geneigte Leser erfährt da nun, dass der WWF eine Kanzlei beauftragt hat, gegen Herrn Huismanns "Schwarzbuch WWF" vorzugehen. Zu diesem Behufe wurden nun Buch- und Großhändler angeschrieben, wohl mit einigem Erfolg - obwohl die Gerichtsverhandlung erst am 15. Juni 2012 ansteht, mithin noch gar keine Rechtsgrundlage vorhanden ist.
Wir erfahren aus dem Artikel, dass "einige Buchhändler" das Buch aus dem Programm genommen hätten. Namentlich erwähnt werden ausschließlich Thalia, Amazon und Libri. Das genügt für die Frankfurter Allgemeine, dreist zu behaupten, das Buch sei dadurch "praktisch vom Markt verschwunden." Als ich das las, platzten mir ein paar Äderchen.
Seit wann, liebe Frankfurter Allgemeine, seit wann sind ein Filialist, ein Großhändler und ein Allesverkäufer "der Buchhandel"? Es gab sicher einige Konzentrationsprozesse in den letzten jahren, aber noch immer besteht "der Buchhandel" aus tausenden Betrieben, noch immer kommen selbst die zehn größten Filialisten zusammen auf gerade einmal 38% Marktanteil*. Thalia, Amazon und Libri sind im Endkundengeschäft zusammen nicht einmal ein Drittel des Gesamtmarktes. Das wars, das ist alles, was wir über das Verhalten des Buchhandels erfahren. Und wahrscheinlich wohl auch alles, was da recherchiert wurde.
In bester Kampagnanjournalismus-Manier werden dann Politikerzitate eingeholt, die nach dem bewährten Muster "Wenn das so ist, dann ist das aber ganz arg schlimm" funktionieren, ein paar Konjunktive dazu und schon ist der Pranger-Artikel fertig. Das erwarte ich aus dem Hause Springer, meine Damen und Herren in Frankfurt, aber nicht von einem Blatt, das von sich behauptet, hinter ihm stecke immer ein kluger Kopf.
Richtig ist:
Das Buch wurde von den einschlägigen Großhändlern aus dem Programm genommen.
Richtig ist:
Da diese für einen nicht unerheblichen Teil der Branche die Webshops stellen, macht das einen Onlineeinkauf nicht eben einfacher.
Richtig ist:
Mindestens ein marktrelevanter Filialist führ das Buch nicht.
Richtig ist:
Amazon.de führt das Buch nicht.
Falsch ist:
Das Buch ist vom Markt verschwunden. Und schon gar nicht "praktisch".

Es kann im örtlichen Buchhandel gekauft werden, zum Beispiel bei Osiander oder auch bei Lehmanns (hier ein Beweisfoto aus Leipzig) und ich bin sicher, bei diversen anderen Buchhändlern auch. Wenn es nicht vorrätig sein sollte, wird es eben bestellt, da es die Großhändler nicht haben, eben beim Verlag. Das ist business as usual und betrifft ganz nebenbei den größten Teil der ca. 1,2 Millionen lieferbaren Titel in Deutschland. Ganz ohne kuschen.
Nun kann es ja durchaus sein, dass "der Buchhandel" kuscht. Es kann durchaus sein, dass man in einer Branche, in der 3% Rendite schon Spitzenergebnisse sind, dünnhäutig ist, wenn ein Kanzleischreiben kommt. Das kann schon sein. Aber wenn man so souverän behauptet, dann sollte man das auch belegen können. ich bin jedenfalls stinksauer. Bei uns in der Buchhandlung steht ein Buch, das bis heute nahezu niemanden interessiert hat, das wir aber trotzdem eingekauft haben, für das wir bezahlt haben und das da steht und Lagerkosten frisst. Und da kommt so ein Schnösel von Sonntagsjournalist und haut mich und meine Kollegen mit einem Parfumhändler, der sich einen Buchladen leistet und einem Allesverkäufer, der so tut als sei er Buchhändler, in einen Topf und behauptet, wir würden kuschen.
Da steht allen Ernstes "Somit bleibt das Buch vorerst erlaubt und ist dennoch praktisch vom Markt verschwunden. Über den Verlag kann es noch bezogen werden." Ja, ich weiß, da haben wir das Ding ja her. Und überhaupt: Hallo? Das Buch steht hier im Regal! Und wer will, dem schicke ich es auch zu. Oder sowas wie: "Das Buch war am 20.
April erschienen und zunächst auch erhältlich. Gut eine Woche später bekamen die Buchhändler
Post von der Anwaltskanzlei und stoppten den Verkauf." Hä? Es gab überhaupt keinen Verkauf, der zu stoppen wäre - das Buch steht hier im Regaa-al und wer will, dem schicke ich es auch zu-u. Aber es will ja keiner. Und dieser Aspekt macht die Sache interessant.
Da es ja nach FAS-Kriterien offenbar genügt, ein paar Behauptungen aufzustellen, für deren Recherche nicht mehr als ein paar Minuten online und am Telefon nötig sind, um leistungsschutzrelevanten Qualitätsjournalismus abzuliefern, stelle ich jetzt mal ein paar Dinge, die der Artikel verrät, in einen Zusammenhang:

Erstaunlich oft wird dort der Verlag zitiert. So etwas ist immer auffällig. Egal wo, immer wenn eine Partei besonders ausführlich zu Wort kommt, hat man ein Indiz, woher der Anstoß zum jeweiligen Artikel kommt.
Dann schauen wir doch mal, um wen es sich da handelt.
Das Gütersloher Verlagshaus, immerhin verlegerische Heimat von Dietrich Bonhoeffer und diversen für die evangelische Glaubenspraxis nicht unerheblichen Titeln, gehört zu Random House (The Publisher formerly known as Bertelsmann). Spätestens mit den Bestsellern "Irre" von Manfred Lütz und "Warum unsere Kinder Tyrannen werden" von Michael Winterhoff wurde dem aufmerksamen Marktbeobachter aber klar, dass man die konzernintern das GVH neu ausrichten will und weniger auf erbauliche Literatur als vielmehr auf provokante Besteller setzt. In diese Strategie passt nun ein "Schwarzbuch WWF" ganz hervorragend. Da ist es natürlich blöde, wenn das Buch dann keine Sau interessiert. Der Titel ist seit Ende April auf dem Markt und bisher noch nirgendwo nennenswert in Erscheinung getreten. Für ein provokantes Aufregerbuch eine eher unbotmäßige Performance.
Und genau da erscheint nun ein tendenziöser Artikel in der FAS, in dem suggeriert wird, der WWF und der deutsche Buchhandel würden verhindern, dass das Buch seinen Weg mache, weshalb der Verlag eben bisher nur die Hälfte der Startauflage habe verkaufen können (Interessant übrigens: An wen denn eigentlich? Doch nicht etwa an Buchhändler? Unmöglich, die kuschen ja, die können unmöglich 5000 Exemplare eingekauft haben...). Es wäre also wie immer: Das linke 68er-Gesocks (aus dem ja bekanntermaßen der Buchhandel besteht) verhindert, dass mal ans Licht kommt, wie die Welt wirklich ist. Weltverschwörung. Kann gar nicht anders sein. Wo doch eigentlich das nach Wahrheit und Licht darbende Volk danach dürstet zu erfahren, wie wenig nachhaltig die vom WWF unterstützten Projekte sind.
Schöne Win-win-Situation, auf den Buchhandel kann man immer gut einschlagen, da sind ja nur diese Schlafmützen, die den Schuss nicht gehört haben und dann kuschen die auch noch vor so einer popligen Anwaltskanzlei. Schöne Geschichte, braucht nicht viel Recherche, muss ichnicht mal aus dem Sessel aufstehen und schauen, wo hier eigentlich die nächste Buchhandlung ist, schau ich mal bei amazon, rufe bei Thalia und Libri an, fertig ist der Lack und wir haben hausintern endlich wieder gleich gezogen, nach dem Super-Gag des Kollegen Weidermann letzte Woche.

Aber das ist natürlich völlig ausgeschlossen. So eine hanebüchene Vorgehensweise, die ja darauf hinausliefe, dass man willfähriger Publicity-Gehilfe eines Medienkonzerns wäre, ist bei einem leistungsschutzrelevanten Qualitätsjournalisten per se unmöglich. Und dass ich gerade heute eine Mail von Random House erhielt, in der vom großen Medienecho (wie gesagt, in den fast 6 Wochen seit Erscheinen: Nada. Trotz Random House im Rücken.) auf den Titel "Schwarzbuch WWF" die Rede ist, das ist reiner Zufall.

Oder ganz kurz:
Amazon kuscht. Thalia kuscht. Nicht der Buchhandel.
Aber das Kind ist wohl in den Brunnen gefallen, egal, wie viele Plakate da noch aufgehängt werden. Denn für diese kostenfreie Plakatierungsaktion mit dem Cover seines Buches prominent platziert, hat Herr Huismann, der geschätzte Autor, nichts besseres zu tun, als in einem Interview sich enttäuscht vom Buchhandel zu zeigen (das könnte ich verstehen, das Autoren nahezu immer, genauso wie von ihren Verlegern) und um das geistige Klima der Branche zu fürchten. Das ist eine feine Idee: Ich beleidige die Leute, die mein Buch verkaufen sollen und zeige mich dann enttäuscht, dass sie sich nicht dafür engagieren. Aber hey, für solche Leute setzt man sich doch gerne ein.


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P.S. Eigentlich erstaunlich, dass man ausgerechnet den Kulturpessimisten von der Frankfurter Allgemeinen erklären muss, dass der Buchhandel nicht Thalia und Amazon sind.

*laut Buch und Buchhandel in Zahlen 2011. MVB GmbH Frankfurt/M. 2011