Ich halte die Kulturgeschichte für eine spannendsten Entwicklungen der Geschichtsschreibung. Wo es in der politischen Geschichte immer nur um Könige, Kaiser und andere Potentaten geht, kann die Kulturgeschichte aus dem Vollen schöpfen. Und so können Tee, Salz oder Kaffee im Mittelpunkt des Interesses stehen, genauso gut aber auch die Entwicklung des Aborts im Wandel der Zeiten oder eben des Menschen Verältnis zu Tieren. Die daraus zu gewinnenden Erkenntnisse sind nicht minder aufschlussreich als die Winkelzüge Metternichs oder die strategischen Großtaten Ramses II.
Mit großen Erwartungen ging ich also an die Lektüre von Frank Westermans Schicksal der weißen Pferde, das im Untertitel nicht weniger verspricht als eine andere Geschichte des 20. Jahrhunderts sein zu wollen.
Westerman wird vom Verlag als Meister der literarischen Reportage eingeführt und das scheint mir auch recht zutreffend zu beschreiben, was im Buch passiert. Es handelt sich dabei nämlich keineswegs um eine konzise, umfassende und strukturierte Darstellung seine Sujets, sondern vielmehr um eine Beschreibung seiner Annäherung an das Thema, seine Recherchen, Gespräche und Reisen.
Im Zentrum steht das Schicksal der Lippizaner, einst der ganze Stolz der Habsburger Doppelmonarchie und durchaus Symbol des herrschaftlichen Selbstverständisses. Die edelste und schönste Rasse der Pferde, gezüchtet in verschiedenen Teilen des Vielvölkerreichs und ureigenste Erfindung desselben.
Ausgangspunkt Westermans eigenen Interesses scheint der Lippizanerhengst seines Reitlehrers (Conversano Primula) zu sein, dessen Erwerb in den Niederlanden seinerzeit eine kleine Sensation war. Ausgehend von dessen Stammbaum führt er durch die Zeitläufte des 20. Jahrhunderts, zeigt auf, welche Sonderrolle die Lippizaner immer spielten, insbesondere als Statussymbol - und zwar sowohl für die Nationalsozialisten wie für Tito oder die Republik Österreich. Immer wieder unterbricht er dies mit Exkursen in frühere Jahrhunderte (in denen die Lippizaner ähnlichen Status genossen), die Geschichte der Genetik und Züchtung oder mit Berichten über seine Reisen zu Orten und Menschen.

Das ist alles sehr gefällig zu lesen, gelegentlich sogar wirklich spannend - aber eine Aussage, eine Idee, eine Botschaft suchte ich vergebens. Außer zwei Dingen: Es schimmert durch alles, wenn es nicht simple Pferdenarrheit ist, ein Antispeziezistischer Ansatz, der interessant und diskutabel wäre, würde er denn formuliert.
Und Westerman mag offenkundig keine Russen. Im Gewande des sowjetischen Soldaten tauchen sie mehrfach in seiner Darstellung auf, während aber alle Akteure sonstiger ethnischer Herkunft, egal wie sie die Pferde nachher behandelten, so doch ihren symbolischen Wert jederzeit anerkannten, so tauchen die sowjetischen Soldaten stets nur auf, um sie als Lasttiere oder künftige Speise zu behandeln.
Ganz übel stieß mir jedoch folgender Satz auf, der aus einer eigenen (also nicht aus Quellen entnommenen) Schilderung einer Massenszene vor Stalin entstammt:

Nachdem das Klappern der Hufe verklungen war, trat eine Hundertschaft Iwans an:

(S. 214)

Sorry, aber so etwas geht gar nicht. Ich erwarte von einem Werk, das in irgendeiner Form als Geschichtswerk ernst genommen werden soll, dass Abwertungen ganzer Völker unterbleiben. Was ansonsten im Buch zu finden ist, mag als tendenziös bezeichnet werden können, aber Iwan als Bezeichnung für sowjetische Soldaten frei zu wählen, ist mindestens unseriös.

Im Ganzen bleibt mir das ganze Buch viel zu bruchstückhaft, es fehlt eine Linie, ein Faden, eine Idee, der all die, durchaus interessanten, durchaus gut erzählten Versatzstücke zusammenfügt. Es entsteht so keine Einheit, kein Werk, das seinen Untertitel wirklich rechtfertigt.
Aber für verschiedene Aspekte, gerade des Mensch-Tier-Verhältnisses und die politische Rolle von Wissenschaft in den letzten 150 Jahren vermag das Buch durchaus bereichernd wirken.

erschienen 2012 bei C.H. Beck.

Bestellt werden kann es hier:.

Das Rezensionsexemplar wurde zur Verfügung gestellt über das empfehlenswerte und hochinteressante Projekt .

Bibliographische Daten:

Frank Westerman: Das Schicksal der weißen Pferde. Eine andere Geschichte des 20. Jahrhunderts. C.H. Beck München 2012.


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